Eine Urkunde, ein Shitstorm, eine Rücknahme: Was der Fall Canterbury wirklich zeigt
Die Erzbischöfin von Canterbury ehrt einen pakistanischen Geistlichen für „interreligiöse Harmonie“ – tagesaktuell wird daraus ein Symbolbild für die „Unterwerfung des Westens“. Was tatsächlich passiert ist.
Was passiert ist
Am 11. September 2026 – dem 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 – verlieh die Erzbischöfin von Canterbury, Dame Sarah Mullally, dem pakistanischen Geistlichen Maulana Hafiz Muhammad Tahir Mehmood Ashrafi in Lambeth Palace den Hubert-Walter-Preis für Versöhnung und interreligiöse Zusammenarbeit. Ashrafi ist Vorsitzender des Pakistan Ulema Council, eines Dachverbands islamischer Gelehrter, und wurde laut Lambeth Palace für sein "herausragendes Wirken als Botschafter interreligiöser Harmonie in Pakistan" geehrt. Konkret wurde dabei sein Einsatz für die 2012 wegen Blasphemie angeklagte christliche Pakistanerin Rimsha Masih hervorgehoben sowie sein langjähriges Engagement für religiöse Minderheiten, insbesondere die christliche Gemeinschaft in Pakistan.
Auf dem Foto der Zeremonie, das online kursierte, ist neben Ashrafi und der Erzbischöfin auch seine Ehefrau in vollständiger Verschleierung zu sehen. Genau dieses Bild löste online eine Welle der Empörung aus.
Nur wenige Tage später die Kehrtwende: Lambeth Palace zog die Auszeichnung zurück, nachdem ältere Aussagen Ashrafis bekannt geworden waren. 2007 hatte er erklärt, er wolle Osama bin Laden posthum den Ehrentitel "Saifullah" ("Schwert Gottes") verleihen – "die höchste Auszeichnung für einen muslimischen Kämpfer", wie er es damals gegenüber AFP formulierte, als Würdigung dafür, dass bin Laden im "Dschihad gegen die Ungläubigen" gedient habe. In der offiziellen Erklärung von Lambeth Palace heißt es dazu: "Es ist ein langjähriges Prinzip des interreligiösen Dialogs und der Zusammenarbeit, dass wir miteinander über tiefgreifende Differenzen hinweg im Gespräch bleiben müssen, und das bleibt so. Allerdings sind frühere Äußerungen von Imam Ashrafi bekannt geworden, die Lambeth Palace veranlasst haben, diese Auszeichnung zu überdenken, und wir können heute bestätigen, dass die Auszeichnung zurückgezogen wurde." Ashrafi selbst erklärte gegenüber der BBC, seine Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden.
Die strukturelle Mechanik: Wie kommt es zu so einem Fehlgriff?
Interessant ist weniger der moralische Aufreger selbst als die Frage, wie eine Institution wie die Church of England überhaupt in diese Lage geriet. Ashrafi wurde nicht isoliert geehrt, sondern als einer von 27 Preisträgern eines Sammel-Awards für Verdienste um die Kirche und die weitere Gesellschaft. Das deutet auf ein strukturelles Problem hin, das über den Einzelfall hinausgeht: Bei derart breit angelegten Ehrungsprogrammen mit vielen Empfängern sinkt erfahrungsgemäß die Tiefe der Einzelprüfung – ein Muster, das sich bei ähnlichen Award-Rücknahmen anderer Institutionen wiederholt zeigt, unabhängig vom religiösen Kontext.
Bemerkenswert ist zudem der Zeitpunkt: eine Ehrung für "interreligiöse Harmonie" ausgerechnet am 25. Jahrestag von 9/11. Ob das schlicht Terminplanung ohne symbolisches Kalkül war oder eine bewusste, aber missglückte Geste der Versöhnung sein sollte, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht belegen – Motivunterstellungen wären hier unseriös. Fest steht: Die Kombination aus Datum und späterem Fund der bin-Laden-Aussagen sorgte für maximale Sprengkraft.
Der größere Rahmen: Was sagen die Zahlen zur "Islamisierungs"-These?
Die Empörung über das Foto speist sich bei vielen aus einer größeren These: Christliche Werte würden zunehmend zurückgedrängt, während der Islam gesellschaftlich an Raum gewinne. Was sagen die verfügbaren Daten dazu?
Was stimmt: Die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland und Westeuropa sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich. Gleichzeitig ist der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland gewachsen – aktuelle Schätzungen liegen bei rund 5,5 bis 6,6 Millionen Menschen bzw. etwa 6–7 Prozent der Bevölkerung. Das Pew Research Center prognostizierte 2017 je nach Migrationsszenario einen Anstieg des muslimischen Bevölkerungsanteils in Deutschland auf 9 bis 20 Prozent bis 2050, unter anderem wegen eines jüngeren Altersdurchschnitts und einer im Schnitt höheren Geburtenrate muslimischer Frauen.
Was diese Zahlen nicht hergeben: Der Rückgang des Christentums begann in Deutschland bereits vor Jahrzehnten – lange bevor nennenswerte muslimische Zuwanderung stattfand – und wird von der Religionssoziologie überwiegend mit allgemeiner Säkularisierung erklärt: wachsender Wohlstand, Individualisierung, sinkendes Institutionenvertrauen insgesamt. Auch nach den optimistischsten Wachstumsprognosen bliebe der Islam in Deutschland bis 2050 eine Minderheit von maximal einem Fünftel der Bevölkerung, während christliche Kirchen trotz des Mitgliederschwunds aktuell noch etwa die Hälfte der Bevölkerung umfassen.
Fairnessbox: Die Gegenposition
Wer die Ehrung Ashrafis verteidigt, argumentiert im Kern: Interreligiöser Dialog bedeutet gerade nicht, nur mit Gleichgesinnten zu sprechen, sondern Verdienste auch bei Personen anzuerkennen, deren Weltbild man nicht teilt – hier konkret Ashrafis dokumentierten Einsatz für verfolgte Christen in Pakistan. Aus dieser Sicht zeigt gerade die schnelle Rücknahme der Auszeichnung, dass keine bedingungslose Anpassung stattfand: Als problematische Aussagen bekannt wurden, korrigierte die Institution ihre Entscheidung. Kritiker der "Islamisierungs"-These verweisen zudem darauf, dass der zahlenmäßige Rückgang des Christentums in erster Linie ein Effekt allgemeiner Säkularisierung ist, der auch in Ländern mit verschwindend geringem muslimischen Bevölkerungsanteil auftritt.
Kurswechsel-Fazit
Der Fall Ashrafi ist ein dokumentierter institutioneller Fehlgriff – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Prüfung vor der Ehrung war offenkundig unzureichend, die Rücknahme erfolgte erst unter öffentlichem Druck. Das rechtfertigt berechtigte Kritik an der Sorgfalt kirchlicher Auszeichnungspraxis. Ob sich daraus aber eine übergreifende These von "Unterwerfung" oder "Islamisierung" westlicher Gesellschaften ableiten lässt, ist eine andere, deutlich weiterreichende Behauptung, die die verfügbaren Bevölkerungs- und Religionsdaten in dieser Zuspitzung nicht stützen. Die reale, belegbare Entwicklung ist eine doppelte: ein struktureller Rückgang institutionalisierter Religiosität in Europa insgesamt bei gleichzeitig wachsendem, aber weiterhin klar minderheitlichem muslimischen Bevölkerungsanteil. Einzelfälle wie dieser eignen sich gut als Symbolbild – als Beleg für einen großen gesellschaftlichen Trend taugen sie einzeln genommen nicht.
Quellen
- Lambeth Palace / Office of the Archbishop of Canterbury, offizielle Stellungnahme zur Rücknahme, zitiert nach Jewish News (18.09.2026): jewishnews.co.uk/church-of-england-rescinds-interfaith-award-given-on-9-11-to-cleric-who-lauded-bin-laden
- Arab News, "Archbishop withdraws award given to Pakistani cleric who praised bin Laden" (17.09.2026): arabnews.pk/pakistan/archbishop-withdraws-award-given-to-pakistani-cleric-who-praised-bin-laden-3001581
- JNS, "Archbishop of Canterbury withdraws interfaith harmony award for Muslim cleric who praised bin Laden" (18.09.2026): jns.org/news/world/archbishop-of-canterbury-withdraws-interfaith-harmony-award-for-muslim-cleric-who-praised-bin-laden
- Fox News, "Archbishop of Canterbury withdraws award from Muslim cleric after past Osama bin Laden praise surfaces" (17.09.2026): foxnews.com/world/archbishop-canterbury-withdraws-award-muslim-cleric-osama-bin-laden-praise-surfaces
- Pew Research Center / t-online, "Anteil der Muslime in Deutschland steigt auch ohne Migration" (30.11.2017): t-online.de/nachrichten/deutschland/id_82806108
- Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Working Paper 71, "Zahl der Muslime in Deutschland": bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/WorkingPapers/wp71-zahl-muslime-deutschland.pdf
- Statista/REMID, "Anzahl der Muslime in Deutschland nach Glaubensrichtung": de.statista.com/statistik/daten/studie/76744
Hinweis: Der Beitrag stützt sich überwiegend auf anglo-amerikanische Berichterstattung (Tier 2, teils mit erkennbarer redaktioneller Schlagseite in Einzelquellen wie Fox News und Middle East Forum); die offizielle Lambeth-Palace-Stellungnahme wurde daher wörtlich zitiert, um die Primärquelle greifbar zu machen.
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