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# Das Demokratiespiel: Warum ein 83-jähriger Psychiater sicher ist, dass wir in den Krieg geschoben werden
- URL: https://kurswechsel.blog/maaz-demokratiespiel/
- Published: 2026-11-02T10:00:00.000Z
- Updated: 2026-11-02T23:20:16.000Z
- Description: Hans-Joachim Maaz erklärt, warum Gesellschaften sich Feindbilder suchen – und warum er glaubt, dass Deutschland gerade seine schlimmsten Fehler wiederholt. Ein Faktencheck.
- Author: Manfred 
- Tags: Gesellschaft & Politik, Demokratie, Sicherheitspolitik & Rüstung, Faktencheck

## Worum es geht

„Ich bin sicher, dass wir in den Krieg geschoben werden. Wir sollen in den Krieg gegen Russland ziehen." Der das sagt, ist kein Talkshow-Provokateur, sondern Hans-Joachim Maaz – Psychiater, Psychoanalytiker, 83 Jahre alt, 28 Jahre lang Chefarzt der ersten Psychotherapie-Klinik der DDR im Diakoniewerk Halle. Sein 1990 erschienenes Buch „Der Gefühlsstau" wurde zum vielbeachteten Psychogramm der untergehenden DDR-Gesellschaft; seither hat er die Republik immer wieder mit unbequemen Diagnosen konfrontiert, zuletzt mit dem Begriff der „Normopathie" (dazu bereits ein eigener Artikel auf diesem Blog).

Im Podcast-Gespräch mit Jasmin Kosubek, veröffentlicht unter dem Titel „Deutschland wiederholt gerade seine schlimmsten Fehler", geht Maaz einen Schritt weiter: Er überträgt sein Lebensthema – wie unverarbeitete Gefühle sich in Feindbildern entladen – direkt auf die aktuelle Kriegsrhetorik gegenüber Russland. Und er benennt seinen eigenen größten beruflichen Irrtum: den Glauben, die westdeutsche Nachkriegsdemokratie sei tatsächlich Demokratie gewesen.

## Der Mechanismus: wie aus Gefühlsstau ein Feind wird

Maaz' Kernthese ist psychologisch, nicht politisch, auch wenn sie politische Sprengkraft hat. Jeder Mensch, so seine jahrzehntelange klinische Erfahrung, trägt unverarbeitete Kränkungen, Ängste und Aggressionen in sich – entstanden meist schon in der Kindheit, wenn Zuwendung an Anpassung geknüpft war. Diese Spannung („Gefühlsstau") sucht sich ein Ventil. Im privaten Rahmen heißt das: „Du bist schuld, du hast mich unglücklich gemacht" – statt „Ich habe mich geirrt". Im gesellschaftlichen Maßstab, sagt Maaz, funktioniert genau derselbe Mechanismus, nur größer: Wenn eine Gesellschaft es schafft, einen gemeinsamen Feind zu benennen, wird die aufgestaute innere Spannung nach außen abgeleitet – „endlich habe ich eine Chance zu wissen, das sind die Bösewichter, und wenn ich gegen die kämpfe, ist das wie eine Entladung."

Diese Beobachtung stammt nicht aus dem Lehnstuhl. Maaz berichtet von Gesprächen mit Kriegsveteranen, die er in den 1970er-Jahren als junger Psychiater führte: Männer, die den Krieg nicht als Trauma, sondern streckenweise als Befreiung von quälender Orientierungslosigkeit erlebt hatten – Befehle als Entlastung von der Bürde, selbst entscheiden zu müssen, wer man ist und was richtig ist. Diese frühe klinische Erfahrung, sagt er, sei der eigentliche Grund gewesen, warum er später Bücher wie „Das falsche Leben" und „Kriegslust, Friedensfähigkeit" schrieb: „Weil ich wusste, das kann jederzeit wieder passieren. Es ist in den Menschen vorhanden."

## Die Wiederholung: von den Nazis über das Virus zu den Russen

Maaz zieht im Gespräch eine Linie, die er selbst als seine eigentliche Lebenserfahrung bezeichnet: Als Jugendlicher fragte er seine Elterngeneration, warum sie im Nationalsozialismus mitgemacht habe – und bekam keine Antworten, nur Schweigen. Nach der Wende beobachtete er, wie die deutsche Vereinigung nicht als gleichberechtigte Aufarbeitung, sondern – seine Wortschöpfung – als „Herrschaftsunterwerfungskollusion" ablief: der Westen ausschließlich gut, der Osten ausschließlich schlecht. Und heute, sagt er, erlebe er dieselbe Struktur ein drittes Mal: „Das Virus muss vernichtet werden, das Klima als Feind, die AfD muss bekämpft werden, mit denen dürfen wir nicht sprechen – und jetzt die Russen, die Russen, die Russen."

Das ist die Stelle, an der der Artikel genau hinschauen muss, denn hier ist Einordnung nötig statt Übernahme. Als Beispiel für eine seiner Ansicht nach überzogene Feindbild-Konstruktion nennt Maaz explizit den Drohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle im August 2026 und bezeichnet die öffentliche Reaktion darauf als „reinste Psychiatrie", fast lächerlich. Tatsächlich handelte es sich dabei aber nicht um eine folgenlose Episode: Ermittler fanden eine mit militärisch nutzbarem Sprengstoff (vermutlich Semtex oder PETN) bestückte Drohne in unmittelbarer Nähe ukrainischer Frachtflugzeuge; Bundesinnenminister Alexander Dobrindt machte am 1\. September offiziell Russland verantwortlich, gestützt auf eine – nach Regierungsangaben belastbare – Beweiskette, und benannte zwei Verdächtige mit russischem beziehungsweise belarussischem Pass. 

Kritische Stimmen wiesen zugleich darauf hin, dass CDU und Grüne öffentlich bereits Russland beschuldigten, bevor die Ermittlungen überhaupt begonnen hatten – ein legitimer Einwand zum Umgang mit dem Fall, der aber etwas anderes ist als die Behauptung, der Vorfall selbst sei erfunden oder belanglos. Maaz' psychologischer Punkt – dass Gesellschaften dazu neigen, Komplexität durch Feindbilder zu vereinfachen – bleibt richtig und wichtig. Aber er ersetzt an dieser Stelle eine berechtigte Detailkritik (vorschnelle Schuldzuweisung durch Politiker) durch eine pauschale Abwertung des gesamten Vorfalls, für die es keine Grundlage gibt. Wer seine Diagnose übernehmen will, sollte sie nicht an diesem Beispiel festmachen.

## Kriegswirtschaft statt Autoindustrie: die Zahlen hinter der These

Interessanter und besser belegbar ist Maaz' zweite, ökonomische These, die er selbst als „finanzkapitalistische Normopathie" bezeichnet: Ein auf permanentes Wachstum angelegtes, hoch verschuldetes System finde im Krieg einen letzten, irrationalen Ausweg, wirtschaftliche Dynamik zu erzeugen, wenn zivile Wertschöpfung stockt. Wörtlich: „Die deutsche Industrie baut ab. Statt Autos werden Panzer oder eben Waffen gebaut."

Die Zahlen stützen zumindest die Beobachtung, auch wenn sie Maaz' Ursache-Wirkungs-Behauptung nicht beweisen: Während die deutsche Autoindustrie schrumpft, wächst die Rüstungsbranche in bislang unbekanntem Tempo. Rheinmetall, Deutschlands größter Rüstungskonzern, meldete für 2025 einen Umsatzsprung von 29 Prozent auf rund 9,9 Milliarden Euro, für 2026 wird ein Wachstum von 40 bis 45 Prozent erwartet; die Beschäftigtenzahl kletterte binnen fünf Jahren von rund 23.000 auf über 32.000\. Der Bundesverteidigungsetat steigt 2026 auf rund 108 Milliarden Euro (regulärer Etat plus Sondervermögen) – ein Plus von etwa 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr – und soll bis 2029 auf rund 152 Milliarden Euro anwachsen, eine Verdreifachung gegenüber 2023\. Erstmals seit 1990 überschreitet Deutschland damit klar die Nato-Zielmarke von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Militärausgaben. Gleichzeitig warnt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), dass die Staatsschuldenquote bei Ausschöpfung der neuen, für Verteidigung von der Schuldenbremse ausgenommenen Kreditspielräume bis 2040 auf 90 Prozent steigen könnte – mit Zinszahlungen des Bundes, die von rund 4 Milliarden Euro (2021) auf über 30 Milliarden Euro (2026) hochgeschossen sind und laut Bundesrechnungshof 2029 fast jeden achten Staatshaushalts-Euro auffressen werden.

Das belegt nicht, dass Krieg „gewollt" wird, um die Wirtschaft zu retten – eine Motivunterstellung, die der Belegbar-Standard dieses Blogs ausdrücklich nicht zulässt. Es belegt aber, dass die strukturelle Beobachtung, auf der Maaz' These aufbaut – Verschiebung von ziviler zu militärischer Wertschöpfung, wachsende Verschuldung, enger werdender Spielraum für alles andere – keine Verschwörungsphantasie, sondern eine mit offiziellen Zahlen nachvollziehbare Entwicklung ist.

## Das Ende der Demokratie beginnt beim Verlernen der Selbstkritik

Der eigentliche Kern des Gesprächs liegt aber nicht bei Russland, sondern in Maaz' Demokratiebegriff. Für ihn endet Demokratie nicht dort, wo Institutionen abgeschafft werden, sondern dort, wo die herrschende Klasse den Dialog mit Andersdenkenden aufgibt und Schuld konsequent nach außen projiziert, statt sich selbst infrage zu stellen: „Es gibt keine objektiven Wahrheiten im politischen, im sozialen, im beziehungsdynamischen." Sein größter beruflicher Irrtum, sagt er im Rückblick, sei gewesen zu glauben, die von den Westalliierten 1945 verordnete westdeutsche Demokratie – „ihr deutschen Nazis, ihr seid morgen Demokraten" – sei tatsächlich gelebte Demokratie gewesen, statt nur ein „Demokratiespiel": äußere Form ohne die innerseelische Fähigkeit dazu.

## Kurswechsel-Fazit

Maaz' Diagnose lässt sich in zwei Teile trennen, die man nicht gemeinsam schlucken oder gemeinsam verwerfen sollte. Der psychologische Mechanismus – Gefühlsstau sucht sich ein Feindbild, Gesellschaften entlasten sich durch Externalisierung von Schuld, echte Selbstkritik wird zur Ausnahme – ist klinisch fundiert, historisch wiederholt belegt und beim konkreten Blick auf die deutsche Debattenkultur der letzten Jahre schwer von der Hand zu weisen. Die ökonomische These – Kriegswirtschaft als Ausweg aus der Wachstumskrise – ist zumindest durch die Zahlen zu Rüstungsausgaben, Autoindustrie und Staatsverschuldung strukturell gestützt, wenn auch nicht kausal bewiesen. Die konkrete Anwendung auf den Leipziger Drohnenfall dagegen zeigt, wie leicht ein an sich richtiges Analyseinstrument zur pauschalen Abwertung realer Fakten missbraucht werden kann – auch von jemandem, der es selbst entwickelt hat. Genau diese Unterscheidungsfähigkeit – der Mechanismus stimmt, das Einzelbeispiel nicht zwingend – ist am Ende selbst eine kleine Übung in dem, was Maaz fordert: nicht Zustimmung oder Ablehnung im Ganzen, sondern die Bereitschaft, jede Behauptung einzeln zu prüfen. Was er diesem Prinzip als politischen Gegenentwurf entgegensetzt, nennt er „Beziehungsdemokratie" – dazu mehr in Teil 2 dieser Serie.

## Quellen

- [Jasmin Kosubek: „Deutschland wiederholt gerade seine schlimmsten Fehler" – Hans-Joachim Maaz im Gespräch (YouTube)](https://www.youtube.com/watch?v=o5bPneN-Pqg&ref=kurswechsel.blog)
- [Xpert.Digital: Rüstungswirtschaft wächst, Autoindustrie schrumpft – Rheinmetall-Zahlen 2025/2026](https://xpert.digital/umbau-der-industrie/?ref=kurswechsel.blog)
- [ZDFheute: Rüstung in Deutschland – Schuldenfalle oder Chance für Aufschwung? (IMK-Prognose, Zinsentwicklung)](https://www.zdfheute.de/wirtschaft/militaer-verteidigungsausgaben-deutschland-schulden-100.html?ref=kurswechsel.blog)
- [Euronews: Münchens Rüstungstech-Boom – wie Deutschlands Aufrüstung die Stadt verändert (SIPRI-Zahlen, 2-%-Marke)](https://de.euronews.com/2026/09/01/munchens-rustungstech-boom-wie-deutschlands-aufrustung-die-stadt-verandert?ref=kurswechsel.blog)
- [ZDFheute: Drohnen-Fall Leipzig – zwei Verdächtige mit Russland-Bezug identifiziert](https://www.zdfheute.de/politik/ausland/drohne-leipzig-russland-bezug-verdaechtige-spur-100.html?ref=kurswechsel.blog)
- [Berliner Zeitung: Drohne in Leipzig – vor der Ermittlung stand schon das Urteil fest](https://www.berliner-zeitung.de/article/drohne-leipzig-urteil-vor-ermittlung-10269111?ref=kurswechsel.blog)
- [migflug.com: Drohnenangriff am Flughafen Leipzig – Deutschland gibt Russland die Schuld (Chronologie, Sprengstoff-Befund)](https://migflug.com/afterburner/de/?p=19006168&ref=kurswechsel.blog)