Die Rentenrechnung, die niemand zu Ende rechnet — Fratzscher, Raffelhüschen und der Streit um 5,8 Billionen Euro

Diagnose Deutschland: Die Rentenrechnung, die niemand zu Ende rechnet

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Foto: Joslyn Pickens / Pexels

Diagnose Deutschland: Die Rentenrechnung, die niemand zu Ende rechnet

Reihe: Diagnose Deutschland — Der gewollte Niedergang

Zwei Wirtschaftswissenschaftler. Zwei Studien. Zwei komplett gegensätzliche Antworten auf dieselbe Frage: Rettet Migration die deutsche Rente — oder kostet sie den Staat am Ende Billionen? Wer beide Seiten kennt, versteht, warum die öffentliche Debatte so hilflos wirkt.

Die eine Rechnung: "Die Renten der Babyboomer"

Schon 2015/2016 sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher voraus, dass Geflüchtete die Renten der geburtenstarken Jahrgänge mitfinanzieren würden — bis 2030 gehen rund fünf Millionen Berufstätige aus dieser Generation in Rente. Seine Argumentation: Ein Flüchtling erwirtschafte spätestens nach sieben Jahren mehr, als er den Staat koste, und die anfänglichen Kosten wirkten wie ein Konjunkturprogramm.

Zehn Jahre später doppelt das DIW nach. In einer Publikation von Fratzscher und Sabine Zinn heißt es, Deutschland brauche laut Berechnung der Bundesagentur für Arbeit über das nächste Jahrzehnt eine Nettozuwanderung von 400.000 Arbeitskräften pro Jahr, um die entstehende Lücke zwischen ausscheidenden Babyboomern und nachrückenden jungen Erwerbstätigen überhaupt zu schließen. Auch gering qualifizierte Zuwanderung sei entgegen verbreiteter Annahme wirtschaftlich wertvoll, so das Institut — etwa in Pflege, Landwirtschaft oder Logistik.

Die andere Rechnung: 5,8 Billionen Euro

Fast zeitgleich rechnet der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen im Auftrag der Stiftung Marktwirtschaft in die entgegengesetzte Richtung. Seine "Generationenbilanz" rechnet sämtliche heutigen Staatsschulden und -versprechen auf künftige Generationen hoch — und kommt zu dem Ergebnis, dass zusätzliche Zuwanderung die implizite Staatsverschuldung um 5,8 Billionen Euro ausweitet. Sein Modell unterstellt eine Integrationsdauer von rund sechs Jahren für jährlich 293.000 Einwanderer — solange zahlen sie unterdurchschnittlich in die Sozialkassen ein. Raffelhüschens Fazit gegenüber der Bild-Zeitung: Man dürfe nicht weitermachen wie bisher.

Warum beide recht haben können — und trotzdem nicht

Der entscheidende Punkt liegt nicht in politischer Gesinnung, sondern in der Methodik. Das zeigt eine Einordnung von Mediendienst Integration unter Verweis auf den Ökonomen Martin Werding: Raffelhüschens Generationenbilanz schreibt die heutige Gesetzgebung rechnerisch in alle Ewigkeit fort und behandelt jeden Euro Staatsschuld als Belastung künftiger Generationen — Migration hilft in diesem Modell kaum, diese Last zu senken. Werdings Tragfähigkeitsanalyse dagegen fragt, wie stark der demografische Wandel die Staatsausgaben treibt — und kommt zu spürbaren Einsparungen durch Zuwanderung, weil etwa Bildungskosten wegfallen, wenn Menschen erst im erwerbsfähigen Alter einwandern.

Auch der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum kritisierte Raffelhüschens Ansatz: Selbst ein neugeborenes deutsches Kind weise in dessen Modell über den gesamten Lebenszyklus eine negative fiskalische Bilanz auf — ein methodischer Effekt, der wenig über die tatsächliche wirtschaftliche Wirkung von Zuwanderung aussagt.

Was tatsächlich belegbar ist

Drei Dinge lassen sich unabhängig von der gewählten Methode festhalten:

  1. Qualifikation und Integrationsgeschwindigkeit entscheiden. Je schneller Zuwanderer in sozialversicherungspflichtige, gut bezahlte Arbeit kommen, desto positiver der fiskalische Effekt — in jedem der genannten Modelle.
  2. Nicht jede Zuwanderung zahlt gleich ein. Ab 2026 können Saisonarbeitskräfte bis zu 90 Tage jährlich sozialversicherungsfrei beschäftigt werden — das reduziert den Beitrag zur Rentenkasse strukturell, unabhängig von der Zuwanderungszahl insgesamt.
  3. Beide Studien haben ökonomische Interessen im Rücken. Die eine entstand im Auftrag der arbeitgebernahen Stiftung Marktwirtschaft, die andere stammt vom eng an die Bundesregierung angebundenen DIW. Das macht beide nicht falsch — aber beide interessengeleitet in der Auswahl ihrer Annahmen.

Die Windshield-Erkenntnis

Die große Schlagzeile — "Migranten retten die Rente" oder "Migration kostet 5,8 Billionen" — verdeckt jeweils die eigentliche Stellschraube: Arbeitsmarktintegration, Qualifikationsniveau und die konkrete Ausgestaltung der Zuwanderungspolitik. Beide Lager rechnen mit denselben Rohdaten zu gegensätzlichen Ergebnissen, weil sie unterschiedliche Annahmen über die Zukunft treffen. Wer eine der beiden Zahlen unkommentiert übernimmt, übernimmt auch die Annahmen dahinter — ob er sie kennt oder nicht.


Veröffentlichung

Teaser/Beschreibung: Zwei Ökonomen, zwei Studien, zwei Ergebnisse: Rettet Migration die Rente oder kostet sie den Staat Billionen? Eine Einordnung des Streits zwischen DIW und Stiftung Marktwirtschaft.

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