Zweierlei Maß? Was beim Umgang mit linker und rechter politischer Gewalt tatsächlich belegbar ist

Beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt am 4. Juli 2026 wurden mehrere Journalisten von Antifa-Demonstranten am Rande der Gegenproteste verfolgt und geschlagen.

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Foto: KATRIN BOLOVTSOVA / Pexels

Der Fakt zuerst

Beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt am 4. Juli 2026 wurden mehrere Journalisten von Antifa-Demonstranten am Rande der Gegenproteste verfolgt und geschlagen. Betroffen waren laut übereinstimmenden Berichten von ZDFheute und der Neuen Zürcher Zeitung mindestens drei Reporter von "Apollo News" sowie Journalisten der "Jungen Freiheit"; einer der Angegriffenen erlitt eine Platzwunde am Kopf. Das Bündnis "Widersetzen" hatte zuvor angekündigt, den Parteitag durch Blockaden verhindern zu wollen; rund 15.000 Gegendemonstrant:innen kamen laut Polizeiangaben, deutlich weniger als die angekündigten 50.000. Die AfD verurteilte den Angriff auf "Apollo News" scharf und forderte Aufklärung.

Das ist der unstrittige Ausgangspunkt. Die interessantere Frage ist, was drumherum passiert – politisch, medial, statistisch.

Politische Rückendeckung für verurteilte Gewalttäter

Mehrere aktuelle und ehemalige Amtsträger:innen haben sich in den letzten Jahren offen mit der "Hammerbande" um Lina E. solidarisiert, einer von der Bundesanwaltschaft als kriminelle Vereinigung eingestuften Gruppe, die mindestens 13 Menschen teils lebensgefährlich verletzt haben soll:

  • Bernd Riexinger, ehemaliger Bundesvorsitzender der Linken, äußerte laut Landtagsprotokoll Sachsen-Anhalt: "Lina E. stellt keine Gefahr für die Gesellschaft dar."
  • Timon Dzienus, damaliger Bundessprecher der Grünen Jugend, bezeichnete das Verfahren gegen Lina E. auf X als "völlig übertrieben".
  • Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Christian Pegel (SPD) wurde laut Junge Freiheit mit einem Antifa-Verein fotografiert, der sich in einem Instagram-Post offen mit der "Genossin Lina" solidarisierte; die SPD-Landtagsfraktion verlieh demselben Verein einen mit 500 Euro dotierten Ehrenpreis.
  • Katrin Göring-Eckardt (Grüne) besuchte im Juni 2025 Maja T. im ungarischen Gefängnis und forderte ein "rechtsstaatliches Verfahren". Maja T. wurde im Februar 2026 wegen Beteiligung an Angriffen auf mutmaßliche Rechtsextreme beim "Tag der Ehre" in Budapest – einer der größten Neonazi-Veranstaltungen Europas – zu acht Jahren Haft verurteilt (versuchte schwere Körperverletzung, Mitgliedschaft in krimineller Vereinigung).

Die USA haben die "Antifa Ost", den organisatorischen Überbau der Hammerbande, im November 2025 als "Specially Designated Global Terrorist"-Organisation eingestuft. Deutsche Gerichte führen weiterhin Verfahren; am OLG Düsseldorf läuft seit Januar 2026 ein Prozess gegen sechs mutmaßliche Mitglieder, mit Terminen bis 2027.

Kunst, Musik und der Umgang damit

Der Song "Keine Angst" von Danger Dan (veröffentlicht 17. Juli 2026) enthält die Zeile "Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk" – eine direkte Grußadresse an verurteilte bzw. angeklagte Hammerbande-Mitglieder, garniert mit einer Anleitung zu konspirativer Organisierung gegen "Nazis". Das ZDF stufte den Song intern als möglichen Gewaltaufruf ein und lud Danger Dan kurzfristig aus der Satiresendung "Die Anstalt" aus. Die Redaktion der Sendung distanzierte sich öffentlich von dieser Entscheidung und kündigte für die Ausgabe vom 21. Juli eine ausführliche Aufarbeitung des Themas an – der Song bekommt dadurch trotz Ausladung eine öffentlich-rechtliche Bühne, nur in anderem Rahmen.

Auf der anderen Seite kursierte im Sommer 2026 auch ein öffentlicher Aufruf von "Kreuzberger Anarchist*innen", die Medien "Nius" und "Apollo News" sowie die AfD aus dem Berliner Stadtteil Kreuzberg zu "vertreiben" – dokumentiert und verbreitet über das Meinungsportal Tichys Einblick. Zur Einordnung wichtig: Es handelt sich um einen dokumentierten Aufruf, nicht um eine mir bekannte belegte tatsächliche Verfolgung von Journalisten in Kreuzberg. Aufruf und Tat sind unterschiedliche Belegstufen.

Die Gegenprobe: Wenn die Zuordnung selbst fehlerhaft ist

Ein Fall zeigt, wie unzuverlässig die grobe Zuordnung "Gewalt bei Demo X" zu "Gewalt durch Teilnehmer von Demo X" sein kann: Am 1. Mai 2020 wurde ein Team der ZDF-"heute show" am Rande einer Querdenken-Demonstration in Berlin von einer vermummten Gruppe mit Schlag- und Eisenstöcken brutal angegriffen. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte 2023 vier Angeklagte wegen gefährlicher Körperverletzung zu je zwei Jahren Haft auf Bewährung – die Täter kamen laut Gerichtsfeststellung aus dem linksextremen Spektrum und gaben an, das Kamerateam mit politischen Gegnern verwechselt zu haben. Ein Angriff, der öffentlich lange als "Gewalt am Rande einer Querdenken-Demo" firmierte, ging damit tatsächlich von Linksextremen aus.

Fairnessbox: Die Gesamtstatistik

Das European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF, Leipzig) zählt jährlich tätliche Angriffe auf Journalist:innen in Deutschland. Für 2024 wurden 98 Fälle verifiziert – Höchststand seit Studienbeginn 2015 –, davon waren 20 dem rechten und 3 dem linken Spektrum zuordenbar; bei 75% war keine klare Zuordnung möglich, u.a. weil 57 der 74 Demo-bezogenen Fälle im Kontext pro-palästinensischer Versammlungen auftraten. Für 2025 registrierte das ECPMF einen deutlichen Rückgang auf 34 Fälle; konkret benannt werden dabei Vorfälle bei Veranstaltungen des neurechten Verlegers Götz Kubitschek in Schnellroda sowie bei einem laut Studie "größten Massenaufmarsch der rechtsextremen Szene seit Jahren". Die Studie selbst zieht daraus den Schluss, die extreme Rechte bleibe "strukturell die größte Bedrohung für die Pressefreiheit".

Diese Einschätzung ist nicht falsch, aber sie beruht auf einer Fallbasis, die zu drei Vierteln nicht eindeutig zuordenbar ist – und der ZDF-Fall zeigt, dass auch die eindeutig erscheinenden 20 rechten Fälle im Einzelfall anders liegen können, als der demografische Kontext der Demonstration suggeriert. Wer aus der Gesamtstatistik ableitet, linke Gewalt gegen Journalisten sei vernachlässigbar, übersieht diese Unschärfe. Wer umgekehrt aus Einzelfällen wie Erfurt oder dem ZDF-Team schließt, die Statistik sei bedeutungslos, ignoriert die belegte strukturelle Häufung rechter Gewalt in den letzten zehn Jahren. Beides gleichzeitig ist wahr.

Fazit

Die eigentliche Asymmetrie liegt nicht eindeutig in den nackten Fallzahlen – dort ist die Datenlage komplizierter, als beide politischen Lager es gerne hätten. Sie liegt in der politischen und institutionellen Reaktion danach: Ein Innenminister, der sich mit einem Verein fotografieren lässt, der offen Hammerbande-Solidarität zeigt, verliert dafür kein Amt. Eine Bundestagsabgeordnete, die eine wegen Gewalt gegen politische Gegner verurteilte Person im Gefängnis besucht und öffentlich Solidarität zeigt, muss sich dafür nicht rechtfertigen. Umgekehrt hätte ein CDU- oder AfD-Politiker, der eine wegen rechter Gewalt verurteilte Person im Gefängnis besuchen und öffentlich unterstützen würde, mit ziemlicher Sicherheit sofortige Rücktrittsforderungen quer durch alle Lager zu erwarten. Diese Ungleichheit in der Konsequenz – nicht notwendigerweise in der reinen Tatzahl – ist der Punkt, der sich sauber belegen lässt und der eine ernsthafte Debatte verdient, ohne dass man dafür die Statistik verbiegen oder Einzelfälle zu einem Gesamtbild aufblasen muss, das sie allein nicht tragen.

Quellen

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